Hands On: Nokias iPhone-Konkurrent

14. Oktober 2008

Am letzten Freitag durfte ich ein wenig spielen. Das Spielzeug war ein Nokia 5800 Xpress Music (Codename: Tube). Das erste Touchstreen-Handy der Finnen ist wohl auch eine Antwort auf das iPhone. Die Frage daher: Was kann es und wie gut schlägt es sich gegen das Apple-Smartphone?

5800

Der Presseausendung entnahm ich vorab die Ausstattung. Ein solchermaßen komplett ausgestattetes Handy hat man zu einem solchen Preis (334 Euro ohne Providerbindung und mit USt.) noch nie bekommen. Es wird fast alles haben, was man heute in ein Handy einbauen kann: Media- und Organizer-Funktionen, GPS, 3,2 Megapixel-Cam, FM-Radio, UMTS und WiFi. Eine Acht-GB-Speicherkarte ist im Lieferumfang und kann gegen eine 16-GB micro-SD-Card getauscht werden.

Die Abmessungen:
Mit 51,7 mm ist es etwas schmäler als das iPhone, aber bei 15,5 mm deutlich dicker. Es ist knapp rund 4 mm weniger hoch.

Display:
Bedient wird es mit den Fingern oder einem Stift. Wem das nicht reicht, der nutzt das mitgelieferte Blacktron (ein kleines Plastikdreck, das man von Gitarren kennt). Wie viele neuen Handys hat es einen Bewegungssensor eingebaut, das Betriebssystem reagiert etwa, wenn man das 5800 dreht.

Das geht gleich flüssig wie beim iPhone und funktioniert an praktisch jeder Stelle des Betriebssystems. In jeder Anwendung kann man so auch ein komfortables Soft-Keyboard nutzen. Es ist groß genug, sodass man sich nicht gleich vertippt, lässt allerdings während der Texteingabe wenig Platz am Bildschirm übrig.

Copy & Paste ist – wie bei allen anderen Symbian-Handys – ebenfalls mit dabei. Allerdings crashte es dabei ständig. Weil es sich dabei um ein Vorserienmodell handelte, war das nicht weiter schlimm.

Der Bildschirm mit einer Diagonale von 8,1 cm (iPhone: 8,9 cm) ist übrigens mit einer Auflösung von 640 x 360 im 16:9-Format super-knackig. Videos (MPEG4, WMV9, 3GP, CIF und ich glaube auch h.264) sehen darauf sensationell gut aus.

Zoomen kann man mit den Softkeys am rechten Bildschirmrand. Das Vergrößern eines Textes geschieht gleich wie bei anderen touch-Handys durch doppeltes Tapsen auf den entsprechenden Text, der dann wirklich gut lesbar ist. Nachteil: der Plastik-Bildschirm. Das harte Glas des iPhones ist einfach ungeschlagen, dessen Display reagiert einfach viel schneller und fühlt sich besser an. Das zieht sich durch die ganze Software, wenngleich man mit finalen Bewertungen (Vorserie) noch warten muss.

Praktisch ist die Shortkey rechts oben am Display: Drückt man diesen Button, geht eine konfigurierbare Liste mit Anwendungen auf.

Ebenfalls mit dabei: Ein RSS-Reader, Nokia Maps und ein paar Spiele. Und wer’s braucht: MMS-Mitteilungen. Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob es auch mit Exchange-Servern syncen kann. Seit kurzem ist dieses Feature nicht nur bei der E-, sondern auch bei der N-Serie mit dabei.

Der Browser ist – meiner Meinung nach – das Sorgenkind von S60-Handys. Doch auch hier gibt es Besserung, wenngleich keine dramatische. Das Gute vorweg: Webseiten werden endlich als Ganzes dargestellt. Er rendert langsamer als der Safari am iPhone, dafür unterstützt er von Haus aus Flash.

Audio und USB:
Zur Hardware gehört noch ein Lautsprecher, der wirklich seinesgleichen sucht. So laut und wohlklingend (ist relativ auf einem Handy) habe ich noch kein Mobiltelefon empfunden.
Apropos Audio: Das 5800 hat auch eine 3,5mm-Standard-Kopfhörerbuchse. Warum das nicht jedes Handy hat …

Und weil wir gerade bei Standards sind. Wie alle neuen Nokias hat auch dieses Gerät einen Standard-Datenanschluss: Micro-USB. Den Anschluss Steckplatz für den Power-Adapter habe ich lange gesucht und nicht gefunden – den gibt es nicht mehr. Die beste Nachricht von allen: Künftig werden alle Nokias über Micro-USB nicht nur mit Daten, sondern auch mit Energie versorgt!!!

Langzeit-Tests konnte ich natürlich keine machen, doch könnte der Akku langlebiger sein, als der des iPhone. Dessen Kapazität soll laut Nokia-Specs 1320 MAh betragen, während Apples Smartphone lediglich 1150 MAh Energie in sich trägt.

Handycam:
Die Kamera bietet eine Auflösung von 3,2 Megapixeln. Nokia-typisch wird sie vermutlich relativ gut sein, Fotos im Freien bei Tageslicht konnte ich noch keine machen. Der Xenon-Blitz ist mir – wie bei allen Handys – etwas zu grell. Videos dreht die Cam auch – standardmäßig in MPEG4.

Die Software:
Seit meinem letzten privaten Nokia-Telefon vergingen schon einige Jahre. Erst nutzte ich Windows Mobile, jetzt bin ich am iPhone. Mit S60 habe ich so meine Probleme. Wer Nokia-Smartphones aber gewohnt ist, wird sich sofort zurecht finden.

Was oft vergessen wird: S60 (selbst OpenSource) ist nicht viel geschlossener als Googles Android. Man kann so gut wie alles an Anwendungen dafür entwickeln und es wird von den Mobilfunkbetreibern auch nicht “kastriert”. Der Nutzung als HSDPA-Modem via Bluetooth sollte nichts im Wege stehen. Nur leider ist Nokia sehr erfolgreich, all diese Anwendungen gut zu verstecken.

QIK wird als Download-Option ebenso schnell installiert werden können wie eine Twitter-App (welche ist noch unsicher). Fotos und Videos lassen sich per Knopfdruck im Web (Share on OVI oder Flickr) veröffentlichen.

Es kommt mit Musik:
334 Euro (again: ohne Vertrag) mag für ein Handy schon ein guter Preis sein. Er wird aber noch besser, weil man unbeschränkt viel Musik dazu geschenkt bekommt! Comes with Music ist nämlich mit dabei.

Wer diese oder andere Nokia-Handies ab 2009 kauft, darf sich nämlich ein Jahr lang so viele Tracks herunter laden, wie er will. Zur Auswahl stehen mehr als fünf Millionen Songs aller Major- (EMI, Warner, Sony BMG und Universal) sowie einiger Indie-Labels.

Das Beste: Man kann nach Ablauf eines Jahres zwar keine neuen Songs mehr herunter laden, aber alle bisher gedownloadeten (welch schönes Wort) bleiben am Handy und am PC weiter abspielbar. Der Nachteil: Das DRM funktioniert nur auf Windows Mobile-Geräten (ein Showstopper für Mac-User) und man kann die Songs nicht brennen.

Fazit:
Wer Nokia-Handies mag erhält enorm viel für wenig Geld. Es definiert die Mittelklasse nicht nur preislich neu. Das 5800 XpressMusic ist (für mich) zwar kein iPhone, hat aber das Zeug zum Topseller.

Was kostet GPS? 1,20 Dollar!

14. Oktober 2008

Infineon hat gestern einen Chip vorgestellt. Das alleine wäre keine Sensation und schon lange keinen Beitrag in diesem Blog wert. Das Besondere am BGM681L11? Es ist das kleinste voll integrierte GPS-Empfangsmodul der Welt. Seine Abmessungen von 2,5 x 2,5 x 0,6 mm ergeben ein Gesamtvolumen von nur 3,75 mm3.

Dabei gäbe es laut Infineon nicht nur eine höhere Empfindlichkeit für GPS-Signale, sondern auch höhere Immunität gegenüber Interferenzen – etwa durch Mobilfunksignale.

Infineon schätzt in der Aussendung, dass im Jahr 2011 jedes dritte Mobiltelefon GPS unterstützen wird. Zu tief gegriffen! Ich schätze, dass bald kaum ein Gerät ohne auskommen wird. Warum? Weil Moore’s Law Chips nicht nur leistungsfähiger, sondern auch immer günstiger macht. Zitat aus der Aussendung:

Verfügbarkeit und Preise
Die Fertigung des GPS-Empfangs-Frontend-Moduls BGM681L11 ist angelaufen. Evaluierungskits sind verfügbar. Bei Abnahmemengen ab 10.000 Stück liegt der Einzelpreis für den BGM681L11 bei etwa 1,20 US-Dollar.

Freilich, mit den 1,20 Dollar ist es nicht getan. Neben der Antenne (wenige Cents) fehlt beispielsweise noch die Integration ins Endgerät und natürlich teure Software. Aber für 1,20 Dollar pro GPS-Chip kann man erwarten, dass schon sehr bald JEDES mobile Device (vom MP3-Player oder Notebook über Handys und Schlüsselanhänger bis hin zu jedem Fahrrad) über GPS-Fähigkeiten verfügen wird.

Und auch bei der Software wird sich einiges tun – man braucht nur auf die Fortschritte bei OpenStreetmap schauen und schon wird offensichtlich, dass die Verfügbarkeit von gutem und kostenlosem Kartenmaterial nur mehr eine Frage der Zeit ist.

Mit supergünstigen GPS-Empfängern werden auch ganz neue Geschäftsmodelle möglich. Wie wäre es etwa mit Reiseführern auf MP3-Playern, die auf die Position des Zuhörers eingehen? Billige Player aus China mit 1 GB Speicher sind bereits ab vier Dollar das Stück zu bekommen. Zu solchen Preisen könnten Tourismuswerber so etwas gar verschenken! Auch eine Werbefinanzierung ist somit in greifbare Nähe gerückt.

Danke Gordon Moore!

Für die Katz

18. Mai 2007

Galileo Satellit, (c) ESAMit Milliarden von Steuerzahlern will die EU-Komission, 30 Galileo-Satelliten ins All schießen. Weil es andererseits das völlig kostenlose Navigationssystem GPS der Amerikaner gibt, lassen sich kaum Umsätze generieren. Wer bezahlt schon für etwas, das es anders wo gratis gibt. Daher scheint das private Träger-Konsortium zu zerbröseln. Die Frist zur Bildung einer Firma ließen die beteiligten Firmen mehrmals verstreichen. Daher will nun die EU das in einem Kraftakt selbst durchziehen.

Man möge mir aber erklären, warum wir das brauchen und wozu der Steuerzahler 2,4 Milliarden Euro tief in die Tasche greifen muss. Hier meine zwei Argumente zu den am meistgenannten Gründen der Befürworter.

Höhere Genauigkeit
Das stimmt: Galileo ist dank neuerer Technik weit präziser als GPS. Während die Amerikaner im schlechtesten Falle 15 Meter daneben liegen, soll Galileo lediglich eine Ungenauigkeit von einem Meter aufweisen.

Aber: Wer von seinem Navi 15 Meter vor eine Pizzeria geleitet wird, kann – so er halbwegs intelligent ist – den Eingang nicht mehr übersehen.

Unabhängigkeit von den USA
Hier ist das Thema schon ein wenig komplexer. Wann immer die USA im Krieg sind, behalten sie sich das Recht vor, Teile des Systems oder alle Satelliten ohne Vorwarnung abzuschalten. Nur die eigenen Streitkräfte könnten dann noch mit Hilfe spezieller Codes navigieren.

Das ist vor allem dann kritisch, wenn nicht gerade befreundete Verbände (Terroristen und andere Bösewichte) in den Besitz von GPS-gesteuerten Lenkwaffen kommen. So könnten sie mit amerikanischer Hilfe Amerikaner treffen.

Aber: Kein Mensch wird mir einreden können, dass die Europäer nicht ebenfalls ihr System zeitweise abschalten, wenn so etwas eintrifft. Welcher europäische Politiker wird sich noch nach Washington getrauen, wenn unsere Satelliten die Waffen von Terroristen steuern?

Und außerdem: Die letzte regionale Abschaltung von GPS datiert ins Jahr 1991 zurück, als amerikanisch Streitkräfte in Bosnien und Serbien eingriffen. Fußnote: Die Europäer haben es jahrelang nicht geschafft, Frieden in den Balkan zu bringen.

Und noch etwas: Am Markt sind hunderte Millionen GPS-Empfänger. Wenn Galileo 2013 im Volleinsatz ist, werden womöglich schon Milliarden von noch ausgereifteren GPS-Chips im Umlauf sein. Vielleicht wird jedes Handy bis dahin seine Positionsdaten von US-Satelliten bekommen.

Also, liebe EU: Geld sparen und was eigenes, neues damit machen!

Fotos mit Geodaten

20. August 2006

Schon lange habe ich mir so etwas gewünscht: Ein GPS-Extra für Digitalkameras. Nun kommt es endlich auf den Markt – leider gibt es das Sony GPS-CS1 vorerst nur in den USA für 150 Dollar zu kaufen.

 Sony GPS-CS1 

Aber warum braucht man so was überhaupt?
Wäre es nicht toll, wenn man stets wüsste, wo die Urlaubsfotos aufgenommen wurden? An welchem Strand war doch noch die tolle Strandbar? Wie finde ich jemals wieder den Weg zur Almhütte eines Freundes, wo wir letztes Jahr Silvester gefeiert haben? Es gibt viele Anwendungen dafür. Eine weitere könnte auch das gestern beschriebene Photosynth oder ein geografisch zugeordnetes Fotoalbum sein.

Sony GPS-CS1 Software

Wie funktioniert’s?
Leider haben Digitalkameras noch keinen eingebauten GPS-Empfänger, so wäre dieses Sony Zubehör obsolet. Es gibt zwar einen Aufsatz für die Nikon D2x, doch die dürfte außerhalb jeden Budgets liegen.

Den GPS-Empfänger führt man ständig mit sich herum. Das 9 cm große Ding hängt man am Besten am Karabiner auf die Badetasche, den Rucksack oder einen Schlüsselanhänger. Alle 15 Sekunden speichert er die aktuellen Positionsdaten. Weil die Uhrzeit mit den Satelliten-Signalen kommt, ist immer die exakt richtige Zeit eingestellt. Das Ganze funktioniert nur, wenn auch auf der Kamera eine möglichst exakte Zeit eingetragen wird.

So weiß der GPS-CS1 jederzeit, wo er zu welcher Zeit war. Digitalkameras speichern neben den Pixeln auch andere, sogenannte Exif-Daten – etwa Belichtungsdauer, Blende, Zoom und die Aufnahmezeit.

Im PC werden nun die Daten aus dem GPS-Teil mit einer speziellen Software auf die Bilder übertragen. Fertig. Auch wenn Sony sagt, dass das eigentlich nur mit deren eigenen Kameras funktioniert, sollte es mit jeder halbwegs neuen Digicam funktionieren. Einzige Voraussetzung, sie muss Exif nach dem Standard 2.1 beherrschen.

Bin schon gespannt, wann Canon, Nikon & Co. kontern und das Teil gleich fix in die Cams einbauen. Zeit wird’s!

Update: Bin drauf gekommen, dass es sowas schon von Ricoh gibt.